Menu

Unsere aktuellen Empfehlungen:

http://www.&co.de
Buchumschlag
Theorien des Internet

zur Einführung

Martin Warnke hat eine spannende Einführung zur Geschichte und Entwicklung des Internets geschrieben! Das Internet, zweifellos das "Leitmedium des 21. Jahrhunderts", hat ein rasantes, vor allem aber: ungeplantes und unplanbares Wachstum hinter und vermutlich auch noch vor sich. Aus seinen zunächst militärischen, dann wissenschaftsinternen Anfängen als "ARPA-Net" vermochte niemand vorherzusehen, was sich daraus in einer einzigen Generation entwickeln würde. Legendär ist die Fehleinschätzung des IBM-Gründers Thomas J. Watson, der 1943 gesagt haben soll: "Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt." Bis zum Ende der 70er Jahre hätte eine Korrektur auf 50, bis Ende der 80er Jahre auf 5000 Computer vielleicht noch glaubwürdig geklungen. Innerhalb von zehn Jahren 'explodierte' dann der Markt. Dazu kam der Kommerz, die Internet-Ökonomie, deren Tendenz zwischen Liberalisierung, Vielfalt, Abzocke und Kriminalisierung nicht prognostizierbar scheint. E-Mail, Google, Facebook, alle diese Phänomene nicht nur aufzuzählen, sondern auch in ihren sozialen Aspekten zu analysieren, ist das Verdienst von Warnke.
Was macht es da schon, dass der Titel Theorien des Internet weder als subjektiver (Theorien, die das Internet hervorbringt) noch als objektiver Genitiv (Theorien über das Internet) eingelöst wird – wenn man dafür etwas viel Interessanteres zu lesen bekommt! So erfährt der Leser, dass die erste 'Spam'-Nachricht schon 1971 versendet wurde (S. 42), und dass Vint Cerf, einer der Schöpfer des ARPA-Nets zu dessen Abschaltung 1990 eine traurige Elegie verfasste, die Warnke uns nicht vorenthält (S. 49). So ist dieser Band der Reihe "zur Einführung" bei weitem nicht so dröge, wie die schmucklose Optik des Büchleins erwarten lässt. Jedem, der sich für die Entstehung, Gestaltung und, ja auch, Theorie des Internets interessiert, sei dieser Band wärmstens empfohlen!

Junius Verlag 2011, 187 S., 13,90 €

H.K.

nach oben »
Bildband Bochum
Buchumschlag
Sichtwechsel

BOCHUM
Das Album zur Stadt

Sichtwechsel lädt ein, etwas sattsam Bekanntes mal aus ganz anderen Perspektiven zu betrachten. Bochum, zum Beispiel, eine nur matt schimmernde Perle in der Mitte des Ruhrgebiets. Viele Versuche, Bochum irgend so etwas wie Sexappeal zu verpassen, gingen schief. Trotzdem leben 374.000 Menschen in Bochum. Die meisten freiwillig.
Der Journalist und Verleger Wolfgang Berke war sich sicher: Hinter dem biederen, hausbackenen und berechenbaren Bochum muss es noch etwas Frisches geben. Und fand es im Internet. In und mit den Bildern von Hobby-Fotografen. Überraschend, unberechenbar, neu. Unsere Stadt in allen Facetten: Natur, Kunst, Gebäude, Stadtlandschaften, Ereignisse, Sehenswürdigkeiten.
Das Spannende an den Bildern sind die unterschiedlichen Blickwinkel und Perspektiven: Da wird ein Gebäude nicht komplett gezeigt, sondern nur ein kleiner Ausschnitt. Dann wieder öffnen sich Perspektiven, die man selbst als alter Bochumer so noch nicht gesehen hat. Tages- und Jahreszeiten sind egal. Die Kamera ist 24 Stunden am Tag dabei. An mindestens 365 Tagen im Jahr.
37 Fotografinnen und Fotografen waren es schließlich, die sich für ein aufregendes Projekt engagierten. Aus Tausenden von Beiträgen, die man in den verschiedensten Netzwerken, Foren und Geodiensten des WorldWideWeb zum Stichwort "Bochum" finden kann, haben die Bilder dieser 37 am meisten begeistert, verblüfft, überrascht und beeindruckt. Man sollte unbedingt ein Buch daraus machen. Hier ist es!
Stilistisch gibt es keine Limits. HDR ist ebenso ein Bestandteil der modernen Fotografie wie klassische Schwarzweiß-Technik. Beides hat in dem Buch seinen Platz. Auch der kreativen Bildbearbeitung waren keine Grenzen gesetzt. Machen Sie sich also darauf gefasst, dass Ihr Auge bisweilen genarrt wird. Aber: das soll so sein.
Dieses Buch ist kein Reiseführer und kein biederer Bildband über Bochum. Es erklärt nicht die Stadt und erzählt auch nicht ihre Geschichte. Dieses Buch ist für alle, die ihren Blickwinkel neu justieren wollen. Für alle, die freiwillig hier wohnen. Oder sich ein feines Stück Bochum in die Fremde mitnehmen wollen. Für alle, die ein Souvenir von Bochum brauchen. Oder ein paar Ideen für ihre ganz eigenen, neuen Entdeckungen.

Ruhrgebietverlag 2011, 127 S., 19,00 €

Text: Verlag

nach oben »
Grandios erzählt
Buchumschlag
Der Hase mit den Bernsteinaugen

Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi

Kunstgeschichte & Biographie

Als Edmund de Waal, Londoner Professor für Keramik, von seinem Großonkel Ignaz Ephrussi eine wertvolle Sammlung von 264 so genannten "Netsuke" erbt, fühlt er verpflichtet, die Geschichte seiner mütterlichen Vorfahren dem Vergessen zu entreißen. Herausgekommen ist eigentlich etwas ganz Unmögliches, nämlich eine Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts mit einer Japanwelle, die nicht zuletzt die Impressionisten beeinflusste, eine Privatgeschichte der Ephrussis, die sich, von Odessa nach Mitteleuropa kommend, schließlich in alle Welt verstreuten, und die politische Geschichte des Antisemitismus, mit dem gewaltsamen Anschluss Österreichs 1938, bei dem die in Wien residierenden Ephrussis enteignet und vertrieben wurden. Einige Familienmitglieder starben später auch in Konzentrationslagern. Es ist ein Wunder, dass es de Waal gelungen ist, diese drei divergenten Bücher in einem unterzubringen, und es ist ihm nicht nur gelungen, sondern sogar glänzend geglückt.
Netsuke sind übrigens nur wenige Zentimeter große Kunstwerke aus Holz, Horn oder Elfenbein, die ursprünglich als Verschluss zur Befestigung eines Täschchens am Gürtel des Kimonos getragen wurden. Der titelgebende Hase mit den Bernsteinaugen ist eine solche Netsuke.
Man liest das Buch hauptsächlich deshalb so gern, weil de Waal ein so lebendiger und sympathischer Erzähler ist. Er findet die richtige Haltung zwischen Nähe und Distanz, den rechten Abstand von jeder Idealisierung und Dämonisierung. Auf den Spuren seiner Ahnen scheint er uns immer nur ein kleines Stück voraus zu sein, so dass wir ihm leicht folgen können. Und zuguterletzt ist dieses Buch für Anna geschrieben, jene nicht-jüdische Hausangestellte, die 1938, als die Ephrussis bereits aus ihrem Haus vertrieben waren, die Netsuke-Sammlung für ihre einstigen Arbeitgeber unter Lebensgefahr vor den SS-Schergen rettete und nach dem Krieg der Familie zurückgab. Das 28. Kapitel endet mit den Worten: "Ich kenne nicht einmal Annas vollständigen Namen, oder was mit ihr geschah. Ich habe nie daran gedacht zu fragen, als ich hätte fragen können. Sie war einfach Anna." Und so erhält sie hier – posthum? – ihr hoch verdientes wunderbares Denkmal!

Paul Zsolnay Verlag 2011, 349 S., 19,90 €

H.K.

nach oben »
Die Prawda in den USA
Buchumschlag
Das eingeschossige Amerika

Eine Reise mit Fotos von Ilja Ilf
aus dem Russ. von Helmut Ettinger

Die 'anderen' Vereinigten Staaten von Amerika – 1936/37, zu Stalins Zeiten, verfasst von einem sowjetischen Schriftsteller-Duo und nun erstmalig ins Deutsche übersetzt.
Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, als »Ilf und Petrow« berühmt und mit ihren satirischen Romanen literarische Stars der frühen Jahre der Sowjetunion, durchquerten mehrere Wochen lang Amerika: von Oktober 1935 bis Januar 1936, von Ost nach West und wieder zurück, ihr mausgraues Ford-Automobil brachte sie 16.000 km durch mehrere hundert Städte. Sie "erlebten die Indianer, sprachen mit jungen Arbeitslosen, alten Kapitalisten, radikalen Intellektuellen und revolutionären Arbeitern, mit Dichtern, Schriftstellern und Ingenieuren", sie besuchten kulturelle, soziale, industrielle Institutionen – und fotografierten mit ihrer Leica-Kamera auf der Höhe der Fotokunst ihrer Zeit. Ilf und Petrow wollten "das andere Amerika", jenseits von Wolkenkratzern dokumentieren. Ihr Amerika war ein alltägliches: Das eingeschossige Amerika, von Ilf und Petrow präzis beobachtet, beschrieben und im Stil einer klassischen Fotoreportage bebildert – mit Neugier, Scharfsicht und Ironie.

Eichborn (Die andere Bibliothek 320/321) 2011, 2 Bände, 693 S., 65,00 €

Text: Verlag

nach oben »
Schicksal Emigration
Buchumschlag
Kaiser von Amerika

Die große Flucht aus Galizien

Ende der 1880er Jahre begann die große Auswanderung aus Galizien, einer armen Provinz des Habsburger Reiches. Getrieben wurden die Emigranten von wirtschaftlichen Motiven ebenso wie von politisch-sozialen. Während die schlechten Lebensbedingungen alle Galizier betraf, das waren auch Deutsche und Ruthenen, flüchteten die jüdischen Einwohner dieser Region ebenso vor dem sich zyklisch verstärkenden Antisemitismus. Doch nicht nur die eigenen Lebensumstände trieben die Bauern und Handwerker, Tagelöhner und Feldarbeiter an, sie wurden auch 'verführt'. Die Hamburger und Bremer Schifffahrtsgesellschaften engagierten (Winkel-)Agenten, diese wiederum Zutreiber und Anwerber, um ihren Umsatz zu steigern. Gezielt wurden Menschen in den Dörfern und Städten angesprochen, um sie zur Auswanderung mit einem Schiff z.B. der Hapag (Hamburgisch-Amerikanische-Paket-Aktien-Gesellschaft) zu bewegen. Es entwickelte sich ein breites Netz solcher Zuarbeiter, die für jeden Angeworbenen ein Kopfgeld (heute hieße es Provision) einstrichen. Dabei gingen die Zuarbeiter der Schiffsgesellschaften häufig mit unlauteren, erpresserischen, z.T. gewalttätigen Methoden vor. Neben dem Ring der Auswanderungsagenten existierten auch europaweit, und sogar darüber hinaus, verzweigte Mädchenhändlerringe. Diese lockten in Galizien Mädchen mit Versprechen von gut bezahlten Jobs als Hausmädchen, Kellnerin oder dergleichen ins Ausland; dort wurden sie dann allerdings zur Prostitution gezwungen, ihr Wille unter Umständen mit Gewalt gebrochen, ihnen ihre Papiere weggenommen usw.
Doch erfahren wir gleichfalls von positiven Schicksalen in der "neuen Welt" - nicht alle sind gescheitert, zurückgekehrt oder ausgebeutet worden.
Pollack liefert eine vielschichtige und flüssig erzählte Geschichte der Emigration aus Galizien, bevorzugt in die USA. Man kann sich bei der Lektüre des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Geschichten, mit kleinen Einschränkungen, ebenso aus heutigen Tageszeitungen zusammengestellt sein könnten, so frappierend sind häufig die Übereinstimmungen: die Motivation der Emigranten, das Verhalten ihrer "Schleuser", die Reaktion der Behörden in der Heimat wie im Aufnahmeland und die Ressentiments die den Migranten in der Fremde entgegenschlagen.

Zsolnay 2010, 285 S., 19,90 €

M.S.

nach oben »
Buchumschlag
Anständig essen

Ein Selbstversuch

Sachbuch

Karen Duve gehörte nicht eben zur Gesundheitsfraktion. Bratwürstchen und Gummibären wanderten genauso in ihren Einkaufswagen wie Schokolade und Curryketchup in Plastikflaschen. Doch dann zog eine Freundin bei ihr ein, die schnell den Spitznamen Jiminy Grille erhielt - nach dem personifizierten Gewissen der Holzpuppe Pinocchio. Denn Jiminy schrie auf, wenn Karen Duve im REWE nach der "Grillhähnchenpfanne für 2,99" griff. Und die Autorin musste einräumen, dass das Leben der Grillhähnchen vor ihrer Schockfrostung wohl eher unerfreulich gewesen war. So stellte sich vor der Tiefkühltruhe bald die grundlegende Frage: Darf man Tiere eigentlich essen? Und wenn Tiere nicht, warum dann Pflanzen? Wo beginnt die menschliche Empathie, und warum? Was sind wir bereit aus Rücksicht auf die Mitlebewesen zu opfern? Oder können wir sogar einen persönlichen Gewinn daraus ziehen, unsere Gewohnheiten zu ändern?
Irgendwann wollte Karen Duve es wirklich wissen: Jeweils zwei Monate lang testete sie Ernährungsweisen mit moralischem Anspruch: Biologisch-organisch, vegetarisch, vegan und am Ende sogar frutarisch, d.h. nur das, was die Pflanze freiwillig spendet. Parallel dazu setzte sie sich mit der dahinterstehenden Weltsicht auseinander - und lieferte sich mit Jiminy Grille die unausweichlichen Verbalduelle. Erst mit der Veröffentlichung dieses Buches wird sie eine Lebensentscheidung treffen - die, wie sie sich weiter ernähren und weiter leben will. Schonungslos und mit der ihr eigenen trockenen Komik setzt sie sich jenseits aller Ideologien mit der Frage auseinander: Wie viel gönne ich mir auf Kosten anderer?

Galiani 2011, 335 S., 19,95 €

H.K.

nach oben »
Die Welt vor 100 Jahren
Buchumschlag
Der Hauslehrer

Die Geschichte eines Kriminalfalls

Erziehung, Sexualität und Medien um 1900

Im Jahr 1903 kommt es zu einem Gewaltverbrechen, dass im damaligen Deutschland hohe Wellen schlug. Heinz Koch, der 14jährige Sohn eines leitenden Angestellten der Deutschen Bank, starb (zumindest mittelbar) in Folge der übermäßigen Prügelstrafen seines Hauslehrers Andreas Dippold. Dieser war von der Familie Koch als Hauslehrer angestellt worden, um die mäßigen schulischen Leistungen der beiden Söhne zu korrigieren, die sich bis dahin vor allem durch mäßige Lernbereitschaft hervortaten. Immerhin wurde von den Kindern eine standesgemäße Karriere und folglich auch Schulbildung erwartet. Andreas Dippold, Student der Jurisprudenz, war belesen in den damaligen (reform-)pädagogischen Diskursen und hielt sich streng an Rezepte wie körperliche Ertüchtigung, eine simple Ernährung, ein strenges erzieherisches Regiment und körperliche Züchtigung gegen die exzessive Onanie, der die beiden Jungen vermeintlich frönten. Um seine Schüler den mutmaßlich schädlichen Einflüssen der Großstadt zu entziehen, zog er mit diesen zunächst auf das Landgut der Familie, später in ein noch einsamer gelegenes Haus in seiner fränkischen Heimat, in dem sich schließlich das Drama zutrug.
So kenntnisreich und mit Hintergrundwissen gefüttert Hagner den eigentlichen Verlauf der sich anbahnenden Katastrophe schildert, und dabei auch das Verhalten der Eltern gebührend berücksichtigt, ist dies nur ein kleiner Teil seiner bestens lesbaren Studie. Im folgenden geht er den Diskursen auf verschieden Ebenen nach, die sich am Falle Dippold entzünden. Im Verlaufe der Ermittlungsarbeit gegen den Hauslehrer fallen die von diesem auf seine beiden Schüler angewendeten Erkenntnisse der Kriminalanthropologie auf ihn selbst zurück. In die Kapitel über die Ermittlungszeit und den Prozess vor dem Schwurgericht Bayreuth, von dem Dippold schließlich zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt wird, werden geschickt die damaligen juristischen, aber auch die pädagogischen und medizinischen Diskurse eingewoben. Hagner zeigt auf, wie die einzelnen Diskurse keineswegs unabhängig voneinander existieren, sondern sich wechselseitig beeinflussen. Das gilt auch für die Abschnitte über die mediale Skandalisierung und den "Nutzen der Humanwissenschaften". Insgesamt verschiebt sich der Diskurs immer stärker zu Ungunsten des Angeklagten, der sukzessive zu einem sadistischen Monster mutiert und bis an sein Lebensende immer wieder von dem Stempel, der im aufgedrückt wurde, eingeholt wird.
Hagner gelingt in seiner ebenso lesenswerten wie spannend lesbaren Studie, ein schimmerndes Bild der damaligen Debatten zu Fragen der Erziehung, der Sexualwissenschaften und anderer Wissenschaften sowie des Verlaufs medialer und öffentlicher Diskurse, die in manchen Aspekten erschreckend an auch heute noch ausgetragene Diskussionen erinnern.
Suhrkamp 2010, 280 S., 19,90 €

M.S.

nach oben »
Jüdisches Leben im Ruhrgebiet
Buchumschlag
So viel Aufbruch war nie
Neue Synagogen und jüdische Gemeinden im Ruhrgebiet

Chancen für Integration und Dialog

Mit Beiträgen von Jürgen Boebers-Süßmann, Alfred Jacoby, Svetlana Jebrak, Manfred Keller, Anke Klapsing-Reich, Ulrich Knufinke, Adriane Palka, Michael Rosenkranz, Emmanuel Schneider und Klaus Wengst.
Recklinghausen, Duisburg, Gelsenkirchen und Bochum – in diesen Städten entstanden während der letzten 15 Jahre neue Synagogen. Im selben Zeitraum gründeten sich im Ruhrgebiet neue – u.a. liberale – Gemeinden. Das Revier ist heute bundesweit die Region mit den meisten jüdischen Gemeinden. Durch die Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ist die Mitgliederzahl in den Gemeinden Nordrhein-Westfalens von 5.000 auf 30.000 gestiegen, allein im Ruhrgebiet von 800 auf 10.000. Der historische Umbruch bedeutet für die jüdische Gemeinschaft Segen und Herausforderung zugleich.
Das Buch – aus einer Tagung des Evangelischen Forums Westfalen hervorgegangen – zeichnet die Entwicklung nach und stellt u.a. folgende Fragen: Wer sind die jüdischen Einwanderer? Wie vollzieht sich ihre soziale Integration? Fördern die neuen Synagogen das religiöse und kulturelle Leben? Welche Chancen ergeben sich für den christlich-jüdischen Dialog? Welcher Aufbruch vollzieht sich durch das künstlerische Potential der eingewanderten Juden in Literatur und Musik? Das Buch zeigt, wie sich das Ruhrgebiet neben Berlin, Frankfurt/M. und München wieder neu zu einem Zentrum jüdischen Lebens in Deutschland entwickelt.

Hentrich und Hentrich Verlag 2011, 160 S., 120 Abb., 19,90 €

Text u. Bild vom Verlag

nach oben »
Mit Beck Wissen mehr wissen!
Buchumschlag
Daoismus

Von Laozi bis heute

C. H. Beck Wissen, Bd. 2721

Ein neues wunderbares Bändchen aus der klugen Beck-Wissen-Reihe!
Die Darstellung schließt sich historisch orientierten Vorläufern an, doch kann man hier eine bemerkenswerte Verschiebung im Diskurs beobachten. Nachdem die frühen westlichen Rezeptionen, allen voran die von Richard Wilhelm, den Daoismus fast ganz vom Daodejing her angingen, nahm in jüngeren Werken der religiöse Volksdaoismus mit seinem riesigen Götterpark, seinen alchemistischen Techniken zur Lebensverlängerung, seinem Amulettwesen, Exorzismen u.ä. einen immer größeren Raum ein. Gilt dem religiösen Daoismus etwa in Max Kaltenmarks Lao-tzu und der Taoismus (Original 1965) nur das letzte Fünftel des Buches, so ist es bei Martin Palmers Taoismus (Original 1991) bereits etwa die Hälfte, und bei Florian C. Reiters Taoismus zur Einführung, 2000 im Junius Verlag erschienen, wird der philosophische Daoismus zur Fußnote marginalisiert.
Historische 'Aufklärung' führte paradoxer Weise zum Postulat der Untrennbarkeit von philosophischem (daojia) und religiösem (daojiao) Daoismus. Damit wanderte der Daoismus in der öffentlichen Rezeption gleichsam von den (Religions-) Philosophen zu den Esoterikern. Mit dem Tenor, endlich den 'ganzen' Daoismus zu präsentieren, verbunden mit einem postmodernen Wertungsverbot (in alten Darstellungen galt der religiöse oft als 'Verfallserscheinung' des philosophischen Daoismus), überlässt man die Religion nun den Phänomenologen, die keinerlei diskursive Anschlussversuche starten, und den Esoterikern, denen das Schlagwort "Tao" für alles stehen kann, am liebsten für Wellness, aber auch für sexuellen und ökonomischen Erfolg.
Diesem Trend widersteht Hans van Ess überraschend und gewinnbringend, denn er bemüht sich wieder um eine differenzierte und differenzierende Darstellung. So bietet das knappe, aber angenehm ausgewogene Büchlein Anschlussmöglichkeiten sowohl für die rein phänomenologische Betrachtung des Religionsgeschichtlers (besonders, was das Verhältnis zu Schamanismus und Buddhismus betrifft), wie auch für eher philosophische Fragestellungen, die aus der Alterität östlichen Denkens Funken für einen anthropologischen Dialog schlagen möchten. Dass dem in der derzeitigen globalen Krise nach Lösungen suchenden Menschen die Texte des Daodejing und Zhuangzi mehr anzubieten haben als der abergläubische Volksdaoismus, das muss man gegen die postmoderne Nivellierung sagen dürfen, das macht auch van Ess deutlich und damit durchaus Lust auf die Lektüre dieser Klassiker.

C. H. Beck 2011, 127 S., 8,95 €

H.K.

nach oben »
Was man 1910 über 2010 dachte
Buchumschlag
Die Welt in 100 Jahren

Nachdruck der Ausgabe Berlin 1910

Aufgrund der in ihren Ansichten stark divergierenden Autoren gehen auch die Prognosen in ganz unterschiedliche Richtungen. In den Bereichen Technik und Medizin überwiegt klar der Optimismus, bis hin zu der Hoffnung, im Jahr 2010 seien die Krankheiten völlig ausgeschaltet (im "Jahrhundert des Radiums"!), es gebe allenfalls noch Frakturen durch Unfälle.
Die 23 Kapitel des Buches lassen sich grob in folgende fünf Bereiche gliedern:
1. Technik (Beiträge 1, 2)
2. Gesellschaft (3 – 14, davon Frauenfrage 8 - 10)
3. Kultur (15 – 17, 20, 21)
4. Medizin (18, 19)
5. Existenzbedrohung (‚Weltuntergang’ 22, 23)
Insgesamt kann man heute konstatieren, dass wir entgegen den Prognosen mit noch viel mehr Technik dennoch viel weniger Probleme gelöst haben. Bemerkenswert ist die Voraussage des 'Handys' durch Robert Sloss (S.35ff.), das 100 Jahre vor seiner Erfindung als "Taschentelefon" sogar eine deutsche Bezeichnung hatte. Der Autor ahnt auch, dass ein solches Medium weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen haben muss. Eine andere beachtliche Prognose betrifft die militärische Möglichkeit, die gesamte Zivilisation, so Bertha von Suttner, "mit einem Druck auf einen Knopf" zu vernichten (S. 84). Allerdings folgt der Voraussage der leider irrige Schluss, dadurch würde ein globaler Frieden garantiert.
Während der Fortschrittsgedanke in der Technik ungebrochen bleibt, treten im sozialen Bereich unterschiedliche Haltungen zutage. Namentlich wecken Emanzipationsbestrebungen bei konservativen Kräften Zukunftsängste, die im vorliegenden Band mehrfach satirisch umgebogen werden. Diese Beiträge erhöhen auf jeden Fall den Unterhaltungswert des Kompendiums erheblich. Alles in allem lohnt die Lektüre vielleicht weniger wegen der teils trefflichen (s.o.), teils absurd anmutenden Prognosen (die Häuser würden wegen der besseren Luft in über 1000 Metern Höhe schweben), als vielmehr wegen des Spiegels, den das Jahr 1910 sich hier vorgehalten hat. Und nicht zuletzt wegen der Erkenntnis einer ernüchternden Konstanz der Probleme, die den Wandel der Welt, wenn er auch noch so heftig ausgefallen ist, unmenschlich überdauern.
Einziges Manko des Nachdrucks ist das Fehlen von Kurzbiographien der heute doch größtenteils vergessenen Autorinnen und Autoren.

Georg Olms 2010, XX, 319 S., 19,80 €

H.K.

nach oben »
Unsere Rezensenten:
H.K. - Heinz Kischkel
B.S. - Bernd Schäfer
M.S. - Marius Schiffer