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Unsere aktuellen Empfehlungen:

Genie & Wahn
Buchumschlag
Die Verschwörung der Idioten

Roman

Aus dem amerikan. Englisch neu übersetzt von Alex Capus

Manche Neuübersetzung dieser Tage bleibt in ihren Besserungen durchaus zweifelhaft, doch hier liegen beinahe Welten zwischen Peter Marginters bieder und bisweilen halbherzig wirkenden (bei DTV erschienenen) Übertragung und Capus’ flammender Nachdichtung Toolescher Abrechnungen mit der Welt.
Ignatius J. Reilly heißt der verzweifelt arrogante Held, der eine Maske der Selbstzufriedenheit und Besserwisserei durch sein grandioses Scheitern trägt, der den Trost der Philosophie von Boethius auswendig gelernt hat, aber als ambulanter Hotdog-Verkäufer in den Straßen und Gassen von New Orleans kläglich scheitert. Dieser Held allein ist schon die ganze Lektüre des Romans wert, doch ist er überdies umgeben von einer Unzahl faszinierend schräger Figuren, angefangen von der anarchistischen Bronx-Intellektuellen Myrna Minkhoff, mit der Ignatius eine untrennbare Fernbeziehung unterhält, die uns zu 'Liebesbriefen' ganz eigener Art verhilft, über den armen Polizisten Mancuso, der in der Eingangsszene Ignatius verhaften will, weil dieser verdächtig vor einem Kaufhaus herumsteht, bis hin zur Hosenfabrikantengattin Mrs. Levy, die mehr mit ihrem Massagebrett verheiratet ist als mit ihrem Mann und die es sich in den Kopf gesetzt hat, Miss Trixi, einer in der Hosenfabrik vegetierenden, längst pensionsreifen Mumie zu neuem Selbstbewusstsein zu verhelfen ("Ich bin eine begehrenswerte Frau", wird Miss Trixi bald darauf zwischen ihren ständigen Nickerchen brabbeln).
Weltliteratur ist dieser Roman mit seiner fast vorbildlosen Hauptfigur (allenfalls möchte man an Gontscharows Oblomow denken, was jedoch ebenso wenig trifft wie Don Quijote, eher noch handelt es sich um eine ausgewachsene Version des Ubu Roi Alfred Jarrys), weil unter dem ganzen Spektakel an Witz, Humor und Absurdität eine klandestine Melancholie lauert.
Alex Capus aber kann man nicht genug danken für seine kongeniale Übertragung!

Klett-Cotta 2011, 461 S., 22,95 €!

H. K.

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Die Liebe Gezeichneter
Buchumschlag
habibi

Graphic Novel

Sieben Jahre hat Craig Thompson an seinem Mammutwerk habibi gearbeitet, 670 Seiten hat er künstlerisch gestaltet und damit im doppelten Wortsinn Geschichte geschrieben.
habibi erzählt die Geschichte von Dodola und Zam, zwei Sklavenkindern, die das Schicksal über viele Umwege miteinander verbindet. Dodola, die bereits als 9-jähriges Mädchen von ihren Eltern als Kinderbraut verkauft wurde, flieht mit dem jungen Zam in die Wüste. In einem Meer aus Sand haben sich die Kinder in ein verwehtes Schiffswrack zurückgezogen. Sie überleben nur, weil Dodola ihren Körper im Tausch gegen Nahrungsmittel an die Männer der vorbeiziehenden Karawanen verkauft. Eines Tages wird Dodola verschleppt, nun muss sie dem Sultan als Haremsdame dienen. Doch Zam will sie unbedingt befreien…
In bewegenden Bildern zeigt Thompson das Nebeneinander von Mittelalter und Moderne in der arabischen Welt. Er illustriert den meist deprimierend gewalttätigen Alltag ebenso wie die hohe Kunst der arabischen Kalligraphie. Künstlerisch führt habibi die Graphic Novel auf einen neuen Höhepunkt. In ihrem perfekten Zusammenspiel entfalten Text und Bild eine besondere Faszination. Inhaltlich formuliert der Roman eine radikale Kritik an den patriarchalischen Lebensverhältnissen in der arabischen Welt. Seine Klage über die Unterwerfung der Frau und die Unterdrückung und Ausbeutung der Schwachen zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk. In seiner früheren autobiographischen Graphic Novel Blankets hatte Thompson schon den christlichen Fundamentalismus, wie er ihn in den USA erfahren hatte, kritisiert. Deshalb bedient Thompson das Feindbild Islam nicht, auch weil er zeigt, dass alle großen Religionen neben ihrem Scheiterhaufen ihren Paradiesgarten haben. In seinen wunderschönen Kalligraphien und mythischen Erzählungen stellt er die Religion nicht zuletzt als große Kulturschöpferin heraus.

Reprodukt 2011, 670 S., 39,00 €

H.K.

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Rache ist süß
Buchumschlag
Sommerhaus mit Swimmingpool
Roman

Aus dem Niederländ. von Christiane Kuby

Der Hausarzt Marc Schlosser, Erzähler des zweiten Romans von Herman Koch nach Angerichtet, ist wieder ein Zyniker und Misanthrop, der seine gnadenlosen Blicke nun auf seine Patienten wirft und den Leser zwischen kopfschüttelnder Zustimmung und erschreckender Abscheu wechseln lässt. Wüssten die Patienten, was dieser Mediziner, der sich scheinbar ungewöhnlich viel Zeit für sie nimmt und deshalb sehr beliebt ist, über sie denkt, würden sie sofort den Arzt wechseln. Seine beißende Kritik am schlechten Geschmack und der Doppelmoral der selbstgefälligen Mittelschicht erzeugt einen faszinierend ambivalenten Erzähler, der sich zugleich ständig zu rechtfertigen scheint. Dies hängt mit seinem kaum gesellschaftsfähigen Sozialdarwinismus zusammen, den er im Studium von seinem Mentor Aaron Herzl übernommen hat. Dieser hatte missliebige Personen, wie etwa Pädophile, schon mal als "Saukerle" und "Missgeburten" apostrophiert, die "ausgemerzt" gehörten.
Richtig brisant wird diese Weltsicht natürlich, wenn sie sich mit Interessen verbindet. Als er und sein Freund, der berühmte Schauspieler Ralph Meier, sich wechselseitig in die Ehefrau des jeweils anderen verlieben, erscheint seine Begierde legitim, zumal von Ralphs Frau deutlich erwidert, während Ralph als geiler Bock erscheint, der Marcs ahnungslose Frau verführen will. Diese asymmetrische Wahrnehmung hat letztlich tödliche Konsequenzen.
Wie im ersten Roman entwickelt das Geschehen sich zu einer Art paranoidem Kammerspiel. Es fehlt allerdings die Raffinesse, mit der in Angerichtet die Figur des Erzählers den Leser in einen Zynismus lockt, der den Leser dazu bringt, sich im Nachhinein dafür zu schämen, diesem Erzähler solange gefolgt zu sein. Dafür ist Marc Schlosser von Anfang an zu unsympathisch. Auch stören nun die etwas penetranten Vorausdeutungen auf das Grässliche, das noch erzählt werden wird. Dennoch kann man auch Sommerhaus mit Swimmingpool als ein gelungenes, hoch spannendes Familiendrama bezeichnen, mit einer schillernden Erzählstimme voller Wut, Witz und amoralischer Gefühle, die einem letztlich erschreckend realistisch erscheinen will.

Kiepenheuer & Witsch 2011, 345 S., 19,99 €

H.K.

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Für die Wenigen
Buchumschlag
Tinkers

Roman

Pulitzerpreis 2010

Es könnte einen der Verdacht ankommen, der Pulitzerpreis werde möglicherweise stets für das düsterste Buch des Jahres vergeben. Das war zumindest 2007 bei Cormac McCarthys Die Straße der Fall, und ist bei Hardings Tinkers, Preisträger in 2010, nicht soviel anders.
Dieser schmale Roman hebt an mit den Worten: "Acht Tage bevor er starb, begann George W. Crosby zu halluzinieren." Diese Halluzinationen des eigenen Untergangs, dazu eine Mischung aus Lebenserinnerungen, aktuellen Selbstbeobachtungen und phantasievollen Zitaten aus dem fiktiven Rev. Kenner Davenport, 'Der verständige Uhrmacher', 1783, bilden den mosaikartigen Inhalt des Buches. Es zeigt folgerichtig keinerlei Spannungsbogen, dafür ist es lyrischer als fast alle Lyrikbände, die in diesen Jahren erscheinen.
In Georges Bewusstseinsstrom tauchen feine Psychogramme auf, wunderbare idyllische Naturbeschreibungen (aus dem nördlichen Maine, nahe der kanadischen Grenze), aber auch emotionale Beschreibungen der epileptischen Attacken Howards, des Vaters von George, dazu philosophische Reflexionen des Uhrmachers George über die Zeit. Howard, in diesem Roman die wichtigste Bezugsperson Georges, war als 'Tinker', als Kesselflicker mit einem Maultierkarren übers Land gezogen, von Armut und den epileptischen Anfällen geplagt, aber auf seine Weise auch schon ein Philosoph und Theologe, der sogar seltsam verschrobene Predigten hielt, bis die Gemeindeleitung ihm das untersagte. In Georges Erinnerungen an diese Predigten fällt eine zentrale, den Roman tragende Sentenz: "So sah ich mich selbst: auf der Suche nach dem, was er (Howard) in seinen Predigten immer das tiefe Geheimnis des Ja genannt hatte." Dieses Ja geht durch so viele tragische Neins, dass der Roman ins Schattenlicht einer verstörenden Melancholie getaucht erscheint, die durch die fragmentarische Form noch gesteigert wird.
Hier offenbart sich dem geduldigen Leser großartige Literatur voller treffsicherer Bilder, in einem melodischen Stil, welcher der Übersetzerin Silvia Morawetz sicher einiges abverlangte, und ein literarisches Juwel für die Wenigen, die noch dem Diktat des 'easy reading' entsagen.

Luchterhand 2011, 188 S., 19,99 €

H.K.

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David vs. Goliath
Buchumschlag
Letzter Mann im Turm
Roman

Aus dem Engl. von Susann Urban u. Ilija Trojanow

In einem Stadtteil Mumbays, der Vakla oder Vakola ausgesprochen wird, der Bauunternehmer Dharmen Shah weiß es nicht so genau, und wir erfahren es deshalb auch nicht, will eben dieser Unternehmer Luxusappartements errichten und muss dazu eine alte Wohnanlage für den Abriss aufkaufen. Obwohl sein Angebot sehr großzügig ausfällt, lehnen die Bewohner, die sich dort wohl fühlen, zunächst ab. Schließlich aber, der gerissene Shah wirbt mit verschiedensten Methoden, geht ein Bewohner nach dem anderen auf den Vorschlag ein. Alle - bis auf einen, der sich den zunehmend skrupelloser werdenden 'Überredungsversuchen' widersetzt. Das Angebot von Shah kann aber nur umgesetzt werden, wenn auch der letzte Bewohner zustimmt.
Im Rahmen dieser sich dramatisch zuspitzenden Geschichte lernen wir neben dem Immobilienhai Shah alle Bewohner des Hauses und letztlich damit den Moloch Mumbay kennen. Es wimmelt hier nachgerade von meisterlich skizzierten Typen und indem Adiga immer wieder die Perspektive wechselt, entsteht das erzählerische Gerüst eines höchst kurzweiligen und abenteuerlichen Romans, dessen Handlung sich über acht Monate erstreckt. Der großartige Roman endet mit dem programmatisch formulierten Satz: "Nichts kann ein Lebewesen aufhalten, das frei sein möchte."
Zuletzt sei noch die ausgezeichnete und einfallsreiche Übersetzung von Ilija Trojanow und Susann Urban erwähnt, die den Lesegenuss großartig in die deutsche Sprache übertragen haben.

C. H. Beck 2011, 513 S., 19,95 €

H.K.

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Wiedergelesen
Buchumschlag
Jeder stirbt für sich allein

Roman

Der letzte Roman von Hans Fallada ist kein neues Buch im eigentlichen Sinne, doch reüssiert er derzeit im Ausland, vor allem den USA. Während die englischen, französischen und anderen Übersetzungen auf der ursprünglich 1947 im Aufbau-Verlag erschienen Ausgabe basieren, liegt der deutschsprachigen Leserschaft mit der Neuausgabe hingegen tatsächlich ein "neuer" Text vor. In der Erstausgabe waren seinerzeit verschiedene Kraftausdrücke, stilistische Punkte, vor allem aber verschiedene Schattierungen der Hauptfiguren redigiert worden, die den Hauptfiguren die besondere Vielschichtigkeit nahmen. Im Originalmanuskript Falladas stellten sich die Eheleute Otto und Anna Quangel nämlich keineswegs seit Beginn des Nationalsozialismus gegen Hitler und die NSDAP. Vielmehr war Anna dereinst durchaus eine Hitlerverehrerin und ist bei Einsetzen der Romanhandlung noch freiwillig in der NS-Frauenschaft aktiv.
Erst die Meldung vom Tod des einzigen Sohnes an der Front weckt die Quangels aus ihrer zwischen Gleichgültigkeit und Zustimmung changierenden Haltung auf. Sie beginnen das herrschende Regime zu hinterfragen und in der Folge mit ihrem kleinen gleichsam unwirksamen Widerstand: Sie schreiben Postkarten und Briefe gegen das Regime, die sie in Hausfluren in Berlin ablegen. Nachdem die Gestapo lange Zeit erfolglos die Kartenschreiber jagt, wird das Ehepaar Quangel schließlich doch verhaftet und die Geschichte, die im Übrigen auf einem wahren Fall basiert, nimmt ein tragisches Ende.
Falladas Darstellung von Berlin während der 1940er Jahre erschöpft sich allerdings nicht in der Erzählung des Widerstands des älteren Arbeiterpaares. Auch die Schicksale des spielsüchtigen Frauenhelds Enno Kluge, des kleinkriminellen Gestapospitzels Emil Barkhausen, der Besitzerin einer kleinen Tierhandlung und weiterer Personen verwebt Fallada zu einer vielseitigen und differenzierten Geschichte, vor allem des proletarischen Berlin zu Beginn der 1940er Jahre. Der im für Fallada typischen dokumentarischen Stil gehaltene Roman entwickelt dabei eine nicht geahnte Spannung, die wie ein Krimi zu fesseln vermag.

Aufbau 2011, 704 S., 19,95 €

M.S.

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Exotische Verliererrhetorik
Buchumschlag
Wie geht es Georg Laub?

Roman

Der Schriftsteller Georg Laub hat sich aus seinem schicken Loft in ein marodes Häuschen in Berlin zurückgezogen, das er von seiner Tante geerbt hat. Dort versucht er mit einer mönchischen Lebensweise, die er selbst "Verkargung" nennt, neu zu sich selbst zu finden. Zu seinem Leidwesen findet ihn dort aber zunächst einmal Fred Mehringer, der ihn für ein Filmprojekt braucht, und dann auch noch seine Ex, die ihn ebenfalls aus höchst selbstsüchtigen Motiven nicht in Ruhe lassen will. Als Laub schlussendlich feststellen muss, dass auch seine neuen Freunde, sogenannte 'einfache Leute', die mit einem Schriftsteller eigentlich nichts anzufangen wissen, durch Facebook und diverse Blogs sich über ihn informieren, beschließt er, ganz zu verschwinden.
Silvia Bovenschen hat einen hoch ironischen Roman über die Unmöglichkeit, heute noch Autor zu werden, geschrieben. Neben den von Laub vertretenen Kulturpessimismus, wonach etwa die Autoren "den schleichenden Google-Tod" sterben, tritt eine böse Ironie, die treffend die Oberflächlickeit, Karrieresucht und Kälte geißelt, die hinter der beliebten Maske der Coolness lauert. Zentrale Zielscheibe dieser Boshaftigkeit ist Margy, Georgs Ex, über die der Erzähler, der nicht mit Selbstironie spart, bemerkt: "So eine übertriebene Figur dürfte man in einem Roman nicht unterbringen." Und als Georg seinen Ex-Freund Mehringer abwimmeln will und seine kulturkritischen Ausführungen mit dem barocken Ausruf "Vanitas!" beendet, reagiert dieser mit der erhofften Flucht: "Das muss ich nicht haben, dachte er, so eine exotische Verliererrhetorik."
Äußerst intelligent geschrieben, mit bemerkenswerten Intarsien, wie einem von Laub selbst verfassten surrealistischen Manuskript, mit einem messerscharfen Blick auf unsere Gegenwart und einer angenehm anspruchsvollen Sprache. Eines der besten Bücher dieses Jahres!

S. Fischer 2011, 284 S., 18,95 €

H.K.

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Vásquez versus Joseph Conrad
Buchumschlag
Die geheime Geschichte Costaguanas
Roman

Aus dem Span. von Susanne Lange

Costaguana ist das fiktive lateinamerikanische Land, in dem Joseph Conrad seinen 1904 erschienenen Roman Nostromo angesiedelt hat. Doch José Altamirano, der Erzähler aus Vásquez' Roman weiß es besser. Er selbst habe schließlich Conrad seine Lebensgeschichte erzählt, woraus dann Nostromo geworden sei. Demnach habe Conrad die Geschichte der Abspaltung Panamas von Großkolumbien im Jahr 1903 beschrieben. Doch durch seine Verlegung der Schauplätze habe er unterschlagen, wie die USA den Kanal zu ihrem Kolonialbesitz machte und dafür die Separatisten unterstützten. Vor allem aber hätte er die zentrale Rolle Altamiranos in dieser Abspaltung darstellen müssen. Das alles habe Conrad in seinem "Mistbuch", wie José einmal sagt, nicht getan. Deshalb hat der Erzähler nun selbst die 'Wahrheit' aufgeschrieben. Das höchst raffinierte, mit Nostromo interagierende Konstrukt ist natürlich hoch ironisch.
Die Geschichte des kolumbianische Erzählers, der, Frucht eines Seitensprunges, seinen Vater in Panama kennenlernt, als er schon über zwanzig Jahre alt ist, ist eingebettet in die wechselvolle Geschichte Kolumbiens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. José verbindet eine tiefe Hassliebe mit seinem gebeutelten korrupten Vaterland. Während sein linksliberaler Vater den eben begonnenen Bau des Panamakanals publizistisch unterstützt und so Geldmittel vor allem aus Frankreich aquiriert, sucht José eine neutrale Position, die es, wie sich herausstellt, nicht geben kann. Es kommt zu einer Reihe tragischer Ereignisse, die indes im letzten, dem 'Verrat' Joseph Conrads an Josés Bericht, eine ironische Aufhebung erfahren.
Vásquez ist zweifellos ein hoch begabter Romancier. Er befreit (wenn auch nicht als erster) die lateinamerikanische Literatur aus dem zum Korsett gewordenen "magischen Realismus". So entsteht beste neue südamerikanische Literatur.

Schöffling & Co. 2011, 334 S., 22,95 €

H.K.

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Wunderbarer Leserausch
Buchumschlag
number 9 Dream
Roman


Mitchell ist ein fantastischer Autor im doppelten Wortsinn und number 9 Dream ist in Einfallsreichtum und Stilistik seinen anderen gefeierten Büchern ebenbürtig. Wegen seiner insgesamt chronologischen Erzählweise eignet sich der Roman sogar sehr gut als Einstieg, denn Chaos und Wolkenatlas sind komplex fragmentierte Gebilde, die eine sehr aufmerksame Lektüre erfordern.
Held ist der jugendliche Eiji Miyake, der aus seinem kleinen japanischen Küstenort nach Tokio aufgebrochen ist, um seinen Vater zu suchen. Offenbar ist er der Sohn eines Prominenten, der mit einer Konkubine gezeugt wurde. Eiji kennt nur seine Mutter, und auch die hatte ihn zur Großmutter aufs Land abgeschoben, während sie selbst in Tokio arbeitet. Zu ihr begibt sich Eiji zunächst, um die Adresse des Vaters zu erfahren, der indes seinem Sohn nicht begegnen will. In Dutzenden von Anläufen gerät Eiji, der sich finanziell mit Hilfsarbeiten über Wasser hält, in finsterste Kreise, wird in Machenschaften der Yakuza hineingezogen und rettet nur knapp sein Leben.
Der Titel number 9 Dream ist eine Dedikation an John Lennon, der einen gleichnamigen Song komponiert hat, und so sind Träume, Lieder der Pop- und Rockmusik und die Zahl Neun Leitmotive des Romans. Mitchell beherrscht eine Vielzahl von Stilmitteln und erzählerischen Tricks, um feinste Nuancen ebenso herauszuarbeiten wie gröbste Brutalitäten. Eiji ist eine sympathische Verliererfigur, der in der Treue zu sich selbst dennoch ein Gewinner bleibt. Umgeben ist er von einer Vielzahl unterschiedlichster, grandios gezeichneter Figuren wie seiner skrupellosen Mutter, seiner wunderbaren Freundin, der Pianistin Ai Imajo, und anderen mitfühlenden, plumpen, klugen, magischen, brutalen oder frommen Menschen.
Mit traumwandlerischer Sicherheit führt Mitchell uns durch seine surreale Welt, in der es bei aller Finsternis auch die paradoxe Botschaft gibt: "Das Leben ist schön, großartig und gerecht."

Rowohlt Verlag 2011, 536 S., 24,95 €

H.K.

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Ein melancholischer Held
Buchumschlag
Wilson
Graphic Novel

Aus dem amerikan. Engl. von Doris Engelke

Auf den ersten Blick wirkt es etwas schematisch, wenn Daniel Clowes in knapp achtzig Cartoons das Leben des einsamen Egomanen Wilson erzählt. Doch dieser Eindruck schwindet, wenn man sieht, mit welcher Virtuosität der Autor seine Form mit Inhalt füllt. Wilson beschließt, nachdem der Tod seiner Eltern ihn in tiefste Einsamkeit gestürzt hat, seine Ex-Frau aufzusuchen. Dabei erfährt er, dass er eine Tochter mit dieser Frau hat, die zur Adoption frei gegeben wurde. Er entführt seine Tochter von den Pflegeeltern und landet dafür im Gefängnis. Nach der Entlassung trifft den Zyniker am schlimmsten der zwischenzeitliche Tod seines Hundes. Doch ganz zum Schluss ereilt ihn eine wahre Erleuchtung...
In großartig pointierten Szenen und mit einem Humor, der mal kalauernd, mal subtil entfaltet wird, verdichtet sich das Leben auf jene knapp achtzig Stationen, aus denen die Lebensweise und der Charakter des Protagonisten aufscheinen. Die zeichnerischen Mittel sind einfach, relativ konventionell, aber sehr wirksam eingesetzt. Die Darstellung der Figuren schwankt sehr stark, je nach der inneren Verfassung des Helden. Er wird als kleiner Trotzkopf oder beinahe Intellektueller, mal zwergenhaft, mal erwachsen wiedergegeben. Die Farbgebung wechselt zwischen fast Duoton und Pastell. Das ist überzeugend gelungen und alles in allem eine weitere feine Visitenkarte der jungen Gattung der Graphic Novel.

Eichborn 2010, 77 S., 19,95 €

H.K.

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Unsere Rezensenten:
H.K. - Heinz Kischkel
B.S. - Bernd Schäfer
M.S. - Marius Schiffer